Eintrittskarte vom 30.07.2010

Ritter, Burgen und Intrigen

Das Mittelalter an Rhein und Ruhr

Erlebnisausstellung in Herne vom 27.02. - 28.11.2010

Unser Besuch am 30.07.2010

Die Ermordung des Erzbischofs im Gevelsberger Wald - Aquarell von Margit Hübner

In unserem Buch "Historische Kurzgeschichten aus Westfale" ist auch die Geschichte von der Ermordung des Erzbischofes Engelbert I. von Köln am 07.11.1225 im Gevelsberger Wald. Dieser Mord hat die Region vom Ruhrgebiet und Westfalen über Jahrhunderte verändert.

Der Mord am Erzbischof Engelbert I. von Köln
nach P. Hertkens

Friedrich von Isenburg, so genannt nach der stolzen, hochragenden, alle Burgen des Landes an Größe und Stärke übertreffenden Stammburg Isenburg bei Hattingen, war ein gar tapferer und mäch­tiger Graf, der durch Tausch und Kauf, vor allem aber durch seine Heirat mit Sophie von Limburg, seines Hauses Macht und Ansehen zu vermehren wusste. Wie sein Vater, Arnold von Isenburg, verwaltete auch er das Amt eines Schutzvogtes über das benachbarte Stift Essen, zu dem über 1296 Höfe und Oberhöfe gehörten, die ihm als jährliche Rente Getreide zu liefern hatten. Diese reiche Einnahmequelle sollte jedoch plötzlich versiegen, als Papst Honorius III. am 1. März 1221 befahl, alle Vogteien über geistliche Güter ein­zuziehen und die Verwaltung der kirchlichen Behörde zu übertragen. Veranlasst war diese strenge Verordnung durch mancherlei Übergriffe und Bedrückung ungerechter Vögte, allein Friedrich war sich keiner Schuld bewusst, und darum weigerte er sich, auf sein ererbtes Recht zu verzichten. Mit Gewalt erzwang er sich das, was ihm seit Erlass der päpstlichen Verordnung verweigert wurde. Da wandte sich Adel­heid von Wildenbruch, die Äbtissin des Stiftes Essen, an den Erz­bischof von Köln, zu dessen Sprengel* Essen gehörte, und bat um Schutz. Damals zierte den erzbischöflichen Stuhl zu Köln Engelbert, ein Sohn des Grafen Engelbert von Berg und Vetter Friedrichs von Isenburg. Er war ein Mann, der zum Herrschen bestimmt schien, eine hohe Gestalt von seltener männlicher Schönheit, dabei von durchdringendem Verstande und rascher Entschlossenheit. Im Alter von 31 Jahren auf des Papstes Empfehlung und des Kaisers Fürsprache zum Erzbischof von Köln erwählt, regierte er mit Weisheit und Umsicht das durch mancherlei politische Wirren zerrüttete Land, so dass Walter von der Vogelweide* von ihm sang:

„Preiswerter Bischof, ihr mögt wohl fröhlich sein,

ihr habt dem Reich so wohl gedient, wir räumen’s ein,

daß euer Lob stieg wunderhoch empor und schwebt allein.„

Er war der Vater der Armen, der Schirmherr der Bedrängten und der Schrecken aller Gewalttätigen. Seine Strenge und sein festes Auftreten schufen im Lande Ruhe und Ordnung, brachten ihm aber viele Feinde ein. Am bittersten hassten ihn die niederländischen Limburger, die ihm im Kampfe um das durch seines Bruders Adolf Tod 1218 erledigte Herzogtum Berg unterlegen waren. Diesen Hass schürte Friedrichs Gemahlin, Sophie von Limburg, und steigerte ihn, wie die Chronisten berichten, zur Todfeindschaft. Mit äußerster Vorsicht ging darum Engelbert, um den Klagen der Essener Äbtissin abzuhelfen und dem Befehle des Papstes Gel­tung zu verschaffen, gegen Friedrich vor. Als jahrelange Vorstellungen und Verhandlungen vergeblich waren, berief der Erz­bischof auf den 1. November 1223 einen Landtag nach Soest, um den Isenburger zum Verzicht zu bewegen. Allein dieser weigerte sich, zumal die meisten anwesenden Fürsten, Grafen und Bischöfe auf seine Seite traten. „Der Böse hatte sein Herz verhärtet, es zusammengepresst wie einen Stein, wie den Amboss des Schmiedes„, meint Cäsarius von Heisterbach. Nach dreitägiger vergeblicher Verhandlung beschloss man, die Sache vor den Reichstag zu Nürnberg zu bringen. „Vetter„, sagte Engelbert zu Friedrich, „ich freue mich darauf, dass wir zusammen zum Hoftage, den der König und die Fürsten zu Nürnberg feiern werden, hinausreiten.„ Der Isenburger aber hatte den Entschluss gefasst, noch vor der Entscheidung den verhassten Kirchenfürsten zu ermorden. Engelbert blieb nicht ungewarnt. Beim Abschied sagte er zu den Bischöfen Theodorich von Münster und Engelbert von Osnabrück, Friedrichs Brüdern: „Liebe Vettern, Ihr wisst, dass ich Euch und Eurem Bruder immer Freundschaft und Wohlwollen be­wiesen habe, und nun wird mir gesagt, dass Euer Bruder böse Pläne gegen mich im Herzen trage, dass er mich zu töten gesonnen sei.„ Und sie konnten seine Worte nicht entkräften. Schweren Herzens begab sich Engelbert am 7. November auf die Heimreise. Bis zur Ruhrbrücke bei Westhofen gab ihm Fried­rich das Geleite. Nachdem er sich herzlich von diesem verabschiedet hatte, zog er mit seinem Gefolge ruhrabwärts, um noch Schwelm zu erreichen, wo er am folgenden Tage die neue Kirche feierlich einweihen wollte. Schon sank die Sonne im Westen und des Abends Dämmerung stieg leise hernieder, als Engelbert mit seinen Begleitern sich Schwelm bis auf eine Wegstunde genähert hatte. Noch musste er den großen Wald von Gevelsberg durchreiten, dann war er am Ziel. Um den stillen Waldesfrieden ungestört genießen zu können, ließ er den größten Teil seiner Begleitung zurück und ritt, von nur wenigen begleitet, dem Zuge weit voran. Plötzlich brach Graf Friedrich mit seinen Mordgesellen aus dem Waldesdunkel hervor. „Schlagt ihn nieder, schlagt ihn nieder!„ schallt’s schaurig durch die stille Nacht. Vergebens stößt Engelbert seinem Rosse die Sporen in die Weichen, um durch schnelle Flucht sein Leben zu retten. Von allen Seiten drängen sie sich heran, Heribert von Rinkerode reißt ihn vom Pferde, und nun stürzt sich die blutgierige Horde auf den Wehrlosen. Ein Knecht spaltet ihm den Schädel, ein Anderer stößt ihm das lange Jagdmesser in die Brust, ein Dritter trennt mit einem Schwerthiebe die rechte Hand ab, in wilder Mordlust schlägt und sticht alles auf den Unglücklichen, bis Friedrichs Ruf: „Es ist genug, schon allzu viel!„ sie zurückreißt. Eiligst verläßt die Rotte die grausige Stätte, den mit 47 Wunden bedeckten Leichnam zurücklassend. So findet ihn sein Gefolge. Schaudernd sehen sie ihren ent­setzlich zugerichteten Gebieter und beklagen laut dessen schreckliches Ende. Ein Fuhrmann zieht mit leerem Karren des Weges. Man lädt den Toten auf und im traurigen Zuge geht’s gegen Schwelm. Statt lauten Festesjubels ertönt ernste Totenklage um den geliebten Oberhirten. Am nächsten Morgen wurde die Leiche nach Schloss Burg an der Wupper überführt, allein ihr Gebieter Heinrich, des Toten Feind, verweigerte den Einlass. Weiter gings bis Altenberg bei Mülheim am Rhein. Hier wurden die leichtverweslichen Teile in der alten Erbgruft des bergischen Hauses beigesetzt, die Leiche aber einbalsamiert und, mit bischöflichen Gewändern bekleidet, nach Köln gebracht und im Dome aufgebahrt. „Die größte Säule der Kirche, die Ehre der Geistlichkeit, der schönste unter den Fürsten des Reiches, der Vater des Vaterlandes, Deutschlands Zierde, des Reiches Stütze, der besondere Schmuck seines Jahrhunderts„, war durch ruchlose Mörderhand gefallen. Das seines Wohltäters und Beschützers beraubte Volk forderte laut Rache an dem Frevler. Der bereits am 15. November neu gewählte Erzbischof Heinrich von Molenark* schwur, nimmer zu rasten, bis die Freveltat ihre Sühne gefunden habe. Er sandte Boten mit den blutgetränkten Kleidern, des Ermordeten nach Nürnberg, wo König Heinrich* gerade Hochzeit hielt. Mit tiefer Trauer vernahm dieser die Kunde von dem schrecklichen Ende seines ehemaligen Erziehers und Schmerz und Zorn erfüllten sein Herz. Sogleich entbot er seine Getreuen zur Fürstenversammlung nach Frankfurt. Auch der Erzbischof Heinrich von Molenark erschien mit den Gebeinen des Ermordeten. Todesstille lag über der Versammlung, als man den Sarg in der Versammlungsmitte niedersetzte und als der Erzbischof Engelberts Hand emporhielt, verbarg der Fürst weinend sein Antlitz und auch die stolzen Ritter konnten sich der Tränen nicht er­wehren. Sofort wurde Gericht gehalten über den Mörder und seine Genossen. Über den Isenburger und sein ganzes Haus wurde die Acht* ausgesprochen. Eigen und Lehen wurden ihm und seinen Kindern abgesprochen, Vasallen* und Dienstleute von dem ihm geleisteten Eide der Treue entbunden, die Lehen sollten dem Lehns­herrn anheim fallen, das Eigen an die Erbberechtigten kommen. „Möge sein Weib„, so hieß es in dem Spruche, „eine Witwe sein, Waisen seine Kinder, „Tausend Mark sollten der Lohn dessen sein, dem es gelänge, den Geächteten gefangen einzubringen. Auch der Papst sprach den Kirchenbann über den Mörder aus. Walter von der Vogelweide brach voll Schmerz und Entrüstung in die bitteren Worte aus:

„Den ich im Leben pries, des Tod muss ich beklagen, drum weh ihm, der den edlen Fürsten hat erschlagen von Köln! O weh, dass ihn die Erde noch mag tragen! Ich kann ihm seiner Schuld gemäß noch keine Marter finden: Ihm wäre zu gelind ein eichen Strang um seinen Kragen; ich will ihn auch nicht brennen, vierteln oder schinden, noch mit dem Rad zermalen, noch darüber binden: Ich hoff’, er werde lebend noch den Weg zur Hölle finden.„

Unter großer Beteiligung der Ritter und des Volkes wurde die Leiche nach Köln zurückgebracht und am 24. Februar 1226 im Dome feierlich beigesetzt. „Viele Wunder„, so berichtet Caesarius von Heisterbach*, „geschahen alsbald„. 1233 wurden die Gebeine Engelberts in einen silbernen Sarg gelegt und hinter dem Hochaltar beigesetzt. Das in Marmor ausgeführte Denkmal zeigt den Erzbischof halbliegend, an den Füßen sitzen Engel, die zum Himmel weisen. Auf dem Gevelsberg wurde an der Mordstelle zuerst ein Kreuz, dann eine Kapelle und einige Jahre später das Kloster Gevelsberg errichtet. Nach der Zerstörung der Isenburg irrte Friedrich unstet und flüchtig umher. Als Kaufmann verkleidet, kam er mit zwei Gefährten nach Lüttich, hier wurde er erkannt und gefangen. Man führte ihn in Ketten nach Köln, wo er nach drei Tagen auf einem Hügel vor dem Severinstor seine fürchterliche Strafe mit bewunderungswürdiger Sündhaftigkeit erlitt, ohne unter den Radstößen des Henkers einen Laut der Klage von sich zu geben. Aufs Rad geflochten, lebte er noch bis zum folgenden Morgen, unaufhörlich betend und die Umstehenden auffordernd, Fürbitte zu tun für seine arme Seele. Im dritten Teil ihrer ergreifenden Ballade erzählt Annette v. Droste-Hülshoff * sein Ende:


Zu Köln am Rheine kniet ein Weib
am Rabensteine unterm Rade,
und überm Rade liegt ein Leib,
an dem sich weiden Kräh’ und Made,
zerbrochen ist sein Wappenschild,
mit Trümmern seine Burg gefüllt,
die Seele steht bei Gottes Gnade.


Den Leib des Fürsten hüllt der Rauch
von Ampeln und von Weihrauchschwelen
um seinen qualmt der Moderhauch,
und Hagel peitscht der Nippen Höhlen.
Im Dome steigt ein Trauerchor,
und ein Tedeum stieg empor
bei seiner Qual aus tausend Kehlen.

Und wenn das Rad der Bürger sieht,
dann lässt er rasch sein Rösslein traben,
doch eine bleiche Frau, die kniet
und scheucht mit ihrem Tuch die Raben.
Um sie mied er die Schlinge nicht,
er war ihr Held, er war ihr Licht und ach,
der Vater ihrer Knaben.