Expertise von Prof.Dr. Dieter Althaus


Prof. Dr. Rüdiger Althaus

Domplatz 12, 33098 Paderborn, Tel.: 05251/125-1241

Abschließende Stellungnahme des Untersuchungsführers zu einem Abdruck auf einem in Menden aufgefundenen Gebetbuch

I. Tatsachenlage

Am 22. Dezember 2007 berichtete die BILD-Zeitung über ein „Christus-Gesicht auf altem Gebetbuch". Bei diesem Buch handelt es sich um das Werk von Johann Mi­chael Hauber, Das hochheilige katholische Dankopfer. Ein Haus-, Trost- und Betrachtungsbuch für alle Tage des Kirchenjahres, Heidelberg um 1870, das sich im Eigentum von Herrn Detlef Albrecht, Brandstraße 15, 58706 Menden, befindet.

In einem Gespräch am 31. Mai 2008 erklärte Herr Albrecht, das Buch stamme aus einer Haushaltsauflösung Ende 2006. Er habe eine Reihe von Büchern an sich genommen, die achtlos aufbewahrt waren und sonst entsorgt worden wären. Ein Jahr später habe er die Bücher in Augenschein genommen und auf einem Buchrücken Spuren entdeckt, die an Umrisse eines menschlichen Gesichtes (Turiner Grabtuch) erinnerten. Er habe den Buchrücken bzw. Fotos mehreren Leuten kommentarlos gezeigt; diese hätten spontan erklärt, es handele sich um Jesus.

II. Verlauf der Untersuchung

Am 15. bzw. 30. April 2008 bestellte der Erzbischof von Paderborn eine Kommission zur Untersuchung des Phänomens. Zu klären ist, ob es sich bei diesem Phä­nomen um ein Wunder handeln könnte, es also keine natürliche, insbesondere naturwissenschaftliche Erklärung gibt. Im Rahmen der Untersuchung wurden diverse Gespräche geführt, die insbesondere Herstellungsweise und Erscheinungsbild älterer Bücher (19. Jahrhundert) betrafen. Darüber hinaus wurde eine physikalische Analyse der Universität Paderborn eingeholt.

III. Ergebnis der Untersuchung

Bei diesem Buch handelt sich um ein im 19. Jh. wohl verbreitetes katholisches Erbauungsbuch. Das Buch ist fest in einem harten, grau-beigen Karton eingebunden. wobei der Buchdeckel - der damaligen Zeit entsprechend - mit einem imprägnierten und marmorierten Papier überzogen ist.

Das zu untersuchende Exemplar stammt aus einem aufgelösten Privatbesitz: nicht ohne weiteres kann nachvollzogen werden, wer es im Laufe der Zeit besessen hat. Auffälligkeiten auf dem rückwärtigen Buchdeckel bemerkte der jetzige Eigentümer zufällig.

Strukturen auf dem rückwärtigen Buchdeckel mögen an ein menschliches Antlitz erinnern, doch lassen sich selbst bei intensiver Betrachtung (oder fototechnischer Verstärkung) nur sehr schemenhafte Konturen erkennen, ohne wirkliche Umrisse und De­tails. Aber längst nicht alle Leute identifizieren dieses Phänomen (auf Anhieb) als ein Bildnis Christi.

Menschliches Erkennen ist nicht voraussetzungslos, sondern in gewisser Weise selektiv und vorgeprägt. Das menschliche Gehirn versucht, nicht unmittelbar einsichtige Phänomene bzw. optische Impulse bekannten Strukturen zuzuordnen. Eine solche Assoziation legt sich auch im vorliegenden Fall nahe. So werden für den Betrachter Umrisse eines Antlitzes gerade dann deutlich, wenn er sich Darstellungen des Turiner Grabtuches vergegenwärtigt.

Die vordere Seite des Buchdeckels weist ein dem rückwärtigen Buchdeckel vergleichbares Erscheinungsbild auf, jedoch läßt sich hier keinerlei Konturierung erken­nen. Auf keiner der beiden Seiten des Buchdeckels finden sich selbst bei genauer Betrachtung durch Farbe oder Ähnliches verursachte Umrisse oder Abbildungen, vielmehr lassen sich deutliche Spuren im Sinne von Abnutzungen bzw. Abschabungen des den hellen, harten Karton schützenden, dunklen Papiers erkennen. Diese können problemlos als übliche Gebrauchsspuren erklärt werden, weil ein aufgeschlagenes Buch oft mit dem Buchrücken auf den Händen gehalten und zugeschlagen oft mit der Rückseite auf einem Brett (Regal) abgelegt wird, wodurch sich ein stärkerer Abrieb auf der Rückseite erklärt.

Im Rahmen der von der Universität Paderborn vorgenommenen Untersuchungen wurden an fünf Stellen des rückwärtigen Buchdeckels Massen Spektren und rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen ausgeführt, um etwaig vorhandene chemische oder physikalische Auffälligkeiten festzustellen. Das Ergebnis ist negativ:

a) Die Massenspektren weisen an allen fünf Stellen eine große Vielfalt unterschiedlichster Teilchen der oben genannten drei Sorten [Molekülbruchstücke, Salzbetandteile, Metallionen] auf. ... Keines der Spektren lässt Rückschlüsse auf eine Auffälligkeit zu.

b) Alle Proben besitzen einen übereinstimmenden Aufbau: einfaseriges Material (Papier) ist mit einer strukturlosen Substanz (Beschichtungsstoff) durchsetzt bzw. beschichtet. In der Buchdeckeloberfläche ist die unterliegende Faserstruktur von dem Beschich-tungsmaterial verdeckt. Die Oberfläche ist topologisch sehr unregelmäßig und rissig, vermutlich infolge intensiver Benutzung und aufgrund des hohen Alters. Keine der fünf Proben weist Eigenschaftsbesonderheiten relativ zu allen übrigen auf.

Beim Grabtuch von Turin handelt es sich um eine (behauptete) Berührungsreliquie. Solches scheidet im Fall des zu untersuchenden Buches aus. Vielmehr kann ein Zusammenhang mit dem vermeintlichen Antlitz auf der Buchdeckelrückseite nur mit dem Inhalt des Buches gesehen werden. Unterstellt man ein zumindest außergewöhnliches Phänomen, so bleibt dennoch die theologische Frage, welche besondere Botschaft damit den Menschen (oder bestimmten Menschen) gegeben werden soll. Hier könnte man lediglich einen Hinweis auf den Buchinhalt vermuten, doch vermögen dies zahlreiche Christusbilder (gerade auch in der Kunst) wesentlich deutlicher und eindeutiger.

IV. Zusammenfassung

In der Zusammenschau des aufgekommenen Untersuchungsmaterials kann festgestellt werden, daß die rückwärtige Buchdeckelseite zwar einen interessanten Eindruck beim Betrachter erwecken kann, sich aber keine Anhaltspunkte für ein außer­gewöhnliches oder übernatürliches Phänomen ergeben, das sich nicht mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen erklären ließe. Vielmehr ist von Spuren eines intensiven, aber gewöhnlichen Gebrauches auszugehen, die die Sinneswahrnehmung mancher Menschen in dem behaupteten Sinne interpretiert.

In Anbetracht des klaren, negativen Untersuchungsergebnisses wurde auf weitere Nachforschungen und eidliche Befragungen verzichtet.

Paderborn den 2.Oktober 2008-10-21

R.Althaus